Kleiner Kurs: Psychiatrie: ©Dr. Peter Machowetz 2003

1    Allgemeines  1-7

1.1    Womit beschäftigt sich die Psychiatrie?  1-7

1.2    Welche Ausbildung hat der Psychiater im Gegensatz zu einem Psychologen oder einem Psychotherapeuten?  1-7

1.3    Psychiatrische Versorgung   1-8

2    Wie entstehen psychiatrische Krankheiten?  2-9

2.1    Mehrdimensionales Modell zur Krankheitsentstehung   2-9

2.2    Biologische Modelle der Psychiatrie: 2-10

3    Diagnosen in der  Psychiatrie   3-11

3.1    Begriffsbestimmung:  Krankheit und Diagnose: 3-11

3.1.1    Krankheit  oder Syndrom?  3-11

3.1.2    Was beziehungsweise  wer ist  wann psychisch krank?  3-11

3.1.3    Verschiedene Arten von Diagnose- Schemen   und deren Kompatibilität. 3-12

A. Psychiatrische Diagnoseschemen  3-12

B: Psychotherapeutische Diagnoseschemen: 3-12

Übersicht über Diagnosen  nach dem  ICD 10 (international clasification of Diseases Vers. 10) 3-13

4    Psychiatrische Befunderhebung: 4-14

4.1    Psychiatrischer  Untersuchungs-Algorithmus  4-14

5    Die häufigsten  psychiatrischen Krankheitsbilder   5-15

5.1    Die Affektiven Störungen   5-15

5.1.1    Die Depression   5-15

Fakten  5-15

Kodierung nach ICD 10: 5-15

Symptome der Depression  5-15

Depression ohne depressive Symptome: Die larvierte Depression  5-16

Welche Fehldiagnosen sind Möglich: 5-16

Folgen unbehandelter Depression  5-16

Wann ist eine Depression eine Krankheit?  5-17

Ursachen der Depression  5-17

Therapie der Depression  5-17

Empfehlung zum Umgang mit depressiven Menschen  5-19

5.1.2    Die Manie  5-20

Fakten: 5-20

Kodierung nach ICD 10  5-20

Therapie der Manie  5-20

5.1.3    Die Zyklothymie =Bipolare affektive Störung = Manisch depressive Krankheit  5-21

Fakten: 5-21

Symptome  5-21

Therapie der bipolaren Störung  5-21

5.2    Der Schizophrene Formenkreis  5-22

Fakten  5-22

Kodierungn ach ICD 10: 5-22

Symptome  5-22

Wie erlebt der Schizophrene subjektiv sein Problem   5-23

Was können wir an einem  Menschen in einer psychotischen Episode beobachtender Patient 5-23

Ursachen der Schizophrenie  5-23

Therapie der Schizophrenen Psychose. 5-24

5.2.1    Die Schizo-affektive Psychose: 5-24

5.3    Selbstverletzung Suizid ,Parasuizid   5-25

Fakten  5-25

5.3.1    Präsuizidales Syndrom (Suizidale Einengung = akute Selbstgefährdung) 5-25

Verhalten bei Suizidgefahr. 5-25

5.4    Konzept der Borderlinestörung   5-26

Fakten  5-26

Allgemeine Kriterien der Persönlichkeitsstörung: nach ICD 10 5-26

Spezielle Kriterien der Borderlinestörung  5-26

6    Ausgewählte Kinder - und Jugend Psychiatrische Fragestellungen   6-27

6.1.1    Das Hyperaktive Kind   6-27

Fakten  6-27

Kodierung  6-27

Merkmale des ADHD: 6-27

Begleitsymptome  6-27

Häufigkeit: 6-28

Therapie des ADHS  6-28

6.1.2    Beispiele für Hyperaktivitätssymptomatik durch Umweltbedingungen   6-29

6.2    Essstörungen   6-31

6.2.1    Anorexia Nervosa      -    Magersucht  6-31

Psychodynamische Hintergrundproblematik  6-32

6.3    Ausscheidungsstörungen   6-34

6.3.1    Enuresis (Einnässen) 6-34

Einteilung der Enuresis  6-34

Therapie der Enuresis  6-34

6.3.2    Enkopresis (Einkoten) 6-35

Prinzipielles zur Enkopresisis: 6-35

Therapie  6-35

6.4    Psychiatrische Begriffe   6-36

6.4.1    Psychiatrische Befunde und Symptome  6-36

Spezielle psychiatrische Diagnosen  6-38

Histrionische Persönlichkeitsstörung Diag agnose nach ICD 10 oder DSM IV klingt netter als hysterische Persönlichkeit, meint aber das gleiche. 6-39

 


1     Allgemeines

 

1.1     Womit beschäftigt sich die Psychiatrie?

*   Die Psychiatrie beschäftigt sich mit der Diagnose und Behandlung aller psychischen Probleme , die ein solches Ausmaß erreichen, daß sie Krankheitswert haben.

*   Die Grenze, ab wann etwas „Krankheitswert“ hat, ist speziell bei Psychischen Problemen unscharf, und wird je nach kultureller, politischer und individueller Perspektive an unterschiedlicher Stelle gezogen.

*   Somit ist die Psychiatrie selbst immer Grenzgang zwischen Hilfe und Restriktion, zwischen Interessen des Patienten und Interessen der Gesellschaft.

1.1     Welche Ausbildung hat der Psychiater im Gegensatz zu einem Psychologen oder einem Psychotherapeuten?

 

*   Psychiater sind Ärzte, die nach dem Studium der Medizin, 4 Jahre im Hauptfach Psychiatrie und mindestens 2 Jahre in Gegenfächern (interne Medizin etc.) ausgebildet wurden.
Seit Kurzem haben sich  die Fachgebiete Psychiatrie und Neurologie aufgrund zu unterschiedlicher Schwerpunkte getrennt. Es gibt daher derzeit noch Fachärzte für „Psychiatrie und Neurologie“ oder „Neurologie und Psychiatrie“ (der jeweilige Schwerpunkt steht an erster Stelle) sowie in Zukunft den Facharzt für Psychiatrie (ohne Neurologie). oder Neurologie.
Der Psychiater hat also vor allem klinische Erfahrung mit schweren psychischen Erkrankungen, versteht sich auf die fachgerechte Benennung der Symptome und die medikamentöse Behandlung derselben sowie auf begleitende psychosoziale Maßnahmen.  Obwohl viele Psychiater eine Psychotherapeutische Ausbildung haben ist diese nicht vorgeschrieben.

*   PsychologInen haben ein (vor allem theoretisches) Studium der Psychologie - und wenn sie im Klinischen Bereich arbeiten - eine Zusatzausbildung als Klinische Psychologen absolviert.
Im Klinikbereich führen sie psychologische Tests durch und haben oft auch eine  Psyschotherapeutische Zusatzqualifikation

*   PsychotherapeutInen haben zunächst eine sogenannten „Quellenberuf“ wie Arzt, Lehrer , Psychologe Sozialarbeiter etc. erlernt und anschließend das Psychotherapeutische Propädeutikum und Fachspezifikum bei einem der Ausbildungsverein absolviert. Sie haben  als Zusatzbezeichnung , ihre spezifische Therapiemethode.
Z. B  (systhemische Familientherapie, Psychoanalyse, etc).
Der Ausbildungsschwerpunkt liegt hier im Gegensatz zu den vorgenannten Berufsbildern vor allem auf der Selbsterfahrung (Eigentherapie).

 


1.2     Psychiatrische Versorgung

 

Es gibt Psychiatrische Krankenhäuser und ambulante Einrichtungen. Sowie Niedergelassene Fachärzte.
Die Organisation ist Bundesländerweise unterschiedlich geregelt aber es gelten folgende Prinzipien.

1.     Regionalisierung: das heißt es besteht keine freie Spitalswahl. Die Behandlung findet immer an der, laut Meldezettel zuordenbaren psychiatrischen Abteilung statt. Dies hat den Vorteil ,daß bei den, in diesem Bereich häufigen Wiederaufnahmen eine kontinuierliche Betreuung möglich ist.
Wien

*   Das ehemalige „Psychiarische Krankenhaus Baumgartnerhöhe“ (vormals „Steinhof“) bildet nun einen Teil des:  Sozialmedizinisches Zentrums Baumgartner Höhe -  Otto Wagner-Spital“.

*   Im Rahmen der Dezentralisierung sind einzelne Wiener Sektoren nicht mehr im Otto Wagner-Spital , sondern in Schwerpunktkrankenhäusern  (KFJ_Spital , SMZ-Ost) angesiedelt

*   Das AKH Wien ist von der Regionalisierung ausgenommen und nimmt auf wen es will.

In Niederösterreich

*   gabt es bisher  2 psychiatrische Krankenhäuser: Gugging (Klosterneuburg) und Mauer Öhling (nahe Amstetten).

*   In jüngerer Zeit wurden  auch hier regionale Psychiatrieabteilungen in Krankenhäusern geschaffen: Neunkirchen, Hollabrunn.

*   Das psychiatrische Krankenhaus in Gugging übersiedelt in wenigen Jahren in das Krankenhaus  Tulln.

2.     Ambulante Versorgung für nicht spitalspflichtige Patienten.
Im Gegensatz zu früher, als es passieren konnte, dass jemand einmal ins Psychiatrische Krankenhaus eingeliefert wurde  und dann dort jahrelang verblieb, versucht man heute, den Patienten nach der Akutbehandlung, so rasch als möglich zu entlassen , um einer Hospitalisierung (Schädigung durch Krankenhausaufenthalt) vorzubeugen.
In Wien und Niederösterreich  wurde für die regionale Nachversorgung der PSD (Psycho-Soziale Dienst) geschaffen, der über Bezirksstellen, ein Kriseninterventionszentren und ein mobiles Notfallsteam verfügt.

3.     Trennung akuter Spitalsbehandlung von Langzeitbetreuung (Wohnen)
Während psychiatrische Patienten früher oft Jahre lang im Spital wohnten, findet dieses Wohnen, nach der akuten Behandlung, in  mehr oder minder betreuten Wohneinrichtungen statt.  Die Träger dieser Wohneinrichtungen sind private Vereine, die meist  aus kommunalen Mitteln finanziert werden

4.     Freiwilligkeit oder gerichtliche Überprüfung einschränkender Maßnahmen.
Freiheitsbeschränkende Maßnahmen müssen genau begründet und regelmäßig gerichtlich überprüft werden. (siehe Unterbringungsgesetzt)

 

 

2     Wie entstehen psychiatrische Krankheiten?

2.1     Mehrdimensionales Modell zur Krankheitsentstehung

 

*   Unser Denken verlangt nach klaren Ursache-> Wirkung Erklärungen.

*   Aber mindestens 3 Ebenen sind gleichzeitig zu beachten:

1.     Die biologische Ebene Dazu gehört das Grundtemperament, genetische Störungen, Gehirnschädigung  durch Infektionen, Intoxikation,  oder durch ein Trauma

2.     Die Persönlichkeitsentwicklung:
Von der Wiege bis zum Erwachsenenalter sind viele Entwicklungs und Anpassungsaufgaben zu bewältigen. Jede stellt auch eine Krise für sich dar Jede einzelne kann mißlingen, wenn eben gerade zu dieser Zeit, ein Life-event, oder familiäre Faktoren störend wirken.  Erfolgreich bewältigte Krisen beeinflussen ebenso spätere „coping“-Strategien wie mißlungene.

3.     Umweltbedingungen:
Allgemeine Bedingungen: Wohlstand -Armut,  Krieg-Frieden, Diktatur-Demokratie
Familiäre Bedingungen: Stabilität- broken home, Einzelkind-Mehrkinder-Zwillinge etc

                                            
Die folgende Grafik versucht den Zusammenhang zwischen erblichen , familiengeschichtlichen Faktoren, Umwelteinflüssen, und vorhandenen Bewältigungsmechanismen darzustellen (nach Resch)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abb 1   Interaktives Modelle zur Entstehung psychischer Krankheiten

 

                                            

                                                                           Sozialpsychiatrische Maßnahmen

Genetik                                 

                                                                                         Therapie

(Vulnerabilität)               Erlernen von Coping-Strategien         

                              Anpassung

Rekonstitution,Chronifizierung
 

 

 

 

 


     
Umweltbelastung

SS und

Geburtstrauma

                              Familiäre Belastung               fortbestehende/ neue  Stressoren

 

 


2.2     Biologische Modelle der Psychiatrie:

 

 

 

*   Die Information zwischen einzelnen Nervenzellen wird „elektro-chemisch“ weitergegeben.

*   Das heißt: die Information wird im Nerven elektrisch geleitet. Die Übertragung von einer Nervenzelle auf eine andere  erfolgt chemisch.
 Die Nervenzellen sind also nicht direkt verbunden. Die Information wird mittels chemischer Überträgerstoffe (Transmitter) über den winzigen Spalt (Synaptischen Spalt) an die Rezeptoren  der nächsten Nervenzelle weitergeleitet..


Die Transmiitersubstanz  wird beim Ankommen eines Nervenimpulses aus kleinen Vesikeln in den Synaptischen Spalt entleert, bindet an Rezeptoren der nächsten Zelle und wird dann über einen Pump-Mechanismus wieder in die Nervenendigung aufgenommen

*   Die in der Psychiatrie am meisten untersuchten  Transmitter sind Dopamin (Schizophrenie) und Serotonin. (Depression) In Jüngerer Zeit findet Noradrenalin zunehmend Beachtung.

*   Als mögliche Faktoren psychischer Störungen sind Beeinträchtigung der Produktion der Transmittersubstanzen (Stoffwechselstörung), Störung beim Abbau dieser Stoffe oder, Störung der Rezeptoren  vorstellbar. Diese können wiederum angeboren oder erworben ( z.B. Immunologisch) sein.

*   Es sei aber abschließend darauf hingewiesen, daß eine chemisch biologische Sichtweise nicht im Gegensatz zu psychodynamischen Erklärungsmodellen steht.  Selbstverständlich spiegelt sich das psychische Erleben in biochemischen Prozessen und umgekehrt.
Das heißt, daß  z.B auch bei einer rein psychodynamisch erklärbaren  depressiven Reaktion, die Ghirnchemie ebenso verändert ist wie bei einer möglicherweise durch eine Stoffwechselstörung bedingten Depression.
Es ist mehr eine Frage der Perspektive als der Alternative

3     Diagnosen in der
Psychiatrie

3.1     Begriffsbestimmung:  Krankheit und Diagnose:

3.1.1      Krankheit  oder Syndrom?

*   Diagnose einer Krankheit ist dann gerechtfertigt , wenn die Ursache , Krankheitsmechanismus, Symptomatik und Verlauf der Krankheit klar definiert sind. Tatsächlich trifft dies in der Psychiatrie auf nur wenige „Diagnosen“ zu.

*   Gerade bei den klassischen psychiatrischen Diagnosen z.B. schizophrene oder  affektive Psychose oder typischen Kinderpsychiatrischen Diagnosen wie z.B Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, handelt es sich eigentlich um Syndrome  d.h. mehr oder minder willkürlich zusammengefaßte Symptome.

*   Die Krankheitsentstehung (Pathogenese) vieler psychiatrischer Diagnosen ist nicht geklärt und wahrscheinlich  handelt es sich oft um inhomogene  Gruppen verschiedene Krankheiten mit ähnlichen Symptomen

*   Es gibt aber nicht wie oft  in anderen Fachgebieten einen beweisenden Blut oder Röntgenbefund, der eine Krankheit eindeutig beweist oder ausschließt.

*   Tatsächlich besteht keine scharfe Abgrenzung z.B. zwischen affektiver Psychose (Manie Depression) und Schizophrenie oder neurotischer Störung. Die Übergänge sind tatsächlich fließend

*   Es gilt daher nicht selten die Aussage: „Ich weiß nicht welche Krankheit sie haben aber ich weiß wie sie heißt.“

3.1.2      Was beziehungsweise  wer ist  wann psychisch krank?

*   Während Krankheit normalerweise als ein Leidenszustand des Patienten verstanden wird ist der Psychiater häufig damit konfrontiert, daß diejenigen die leiden, meinen, an ihrem Leiden sei ein anderer, nämlich der designierte Patient schuld.

*   Dieser wiederum bestreitet es aber, psychisch krank zu sein und erlebt sich selbst als Opfer.

*   Letztlich ist aber die Definition gerade psychischer Krankheit nichts objektives, sondern ein Spiegel der Gesellschaft, da die psychisch Kranken den Randbereich der Gesellschaft besetzten.


 

3.1.3      Verschiedene Arten von Diagnose- Schemen   und deren Kompatibilität.

 

Es gibt verschiedene Arten von Diagnoses Systhematiken zur Beschreibung psychischer Leiden.

A. Psychiatrische Diagnoseschemen

 

Dienen primär der Auswahl von Patienten für Statistiken und Studien und zur Verrechnung mit den Kostenträgern . Sie ermöglichen durch klar festgelegte Diagnosekriterien, Patienten in unterschiedlichen Spitälern und sogar verschiedenen Ländern zu vergleichen. Sie sollten daher rein symptomorientiert und unabhängig von Hypothesen über die Krankheitsntstehung sein.


Mit der Definition von Diagnosen, wird Realität geschaffen. Eine Krankheit die keinen Namen hat kann man nicht diagnostizieren und eine Diagnose, die einmal definiert ist findet auch Patienten egal wie absurd sie sei. Dies ist daher eine sehr politische Frage.

Therapeuten müssen wissen ,  Diagnoseschemen idealtypische Krankheitsbilder definieren müssen, die der konkrete Patient selten voll erfüllt.


Die Erwartung, dass eine Diagnose den Weg zur richtigen Behandlung weist ist daher trügerisch.

1.     DSM  Diagnostisch Statistisches Manual (herausgegeben durch die Amerikanischen Psychiatrischen Assoziation, umfasst nur psychiatrische Diagnosen

2.      ICD International Classification of Diseases (herausgegeben von der WHO)  Es umfasst alle Krankheiten (auch nicht psychische). Für die Abrechnung mit der Krankenkassa ist eine Diagnose nach dem Schema des ICD 10 (=10. Version) derzeit gültig.

B: Psychotherapeutische Diagnoseschemen:

 

*   Psychotherapeutische Diagnosen sollen eher den Bedürfnissen psychotherapeutisch Tätiger entsprechen

*   Psychotherapeutische Diagnosen spiegeln das Weltbild der jeweiligen Schule beziehungsweise deren Hypothesen über die Krankheitsentstehung wieder. Je nach Schule wird die Störung der individuellen Persönlichkeitsentwicklung  oder der familiären Kommunikation etc. diagnostiziert.

*   Beispiel:

OPD: Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik.
Noch junges aber derzeit etabliertestes psychodynamisch/psychotherapeutisches  Diagnoseschema (Psychoanalytische Wurzeln)


Übersicht über Diagnosen  nach dem  ICD 10 (international clasification of Diseases Vers. 10)

Psychiatrische Diagnosen beginnen mit dem Buchstaben F

 

F00 - F09 Organische, einschliesslich symptomatischer psychischer Störungen

F10 - F19 Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen

F20 - F29 Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen

F30 - F39 Affektive Störungen

F40 - F48 Neurotische, Belastungs und somatoforme Störungen

F50 - F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren

F60 - F69 Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

F70 - F79 Intelligenzminderung

F80 - F89 Entwicklungsstörungen

F90 - F98 Verhaltens und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend

F99 Nicht näher bezeichnete psychische Störung

Anhang Katagorien aus anderen Kapiteln

Anhang 1 Vorläufige Kriterien für ausgewählte Störungen

Anhang 2 Kulturspezifische Störungen

 

4     Psychiatrische Befunderhebung:

4.1     Psychiatrischer
 Untersuchungs-Algorithmus

 

 

 

Während eines Patiententgespräches macht sich der Psychiater ein Bild von Zustand des Patienten . In der Folgenden Abbildung sind zunächst die basalen Funktionen „Bewußtsein“ und „Orietierung“ angeführt denen dann darauf aufbauende Funktionen folgen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 3      Psychiatrischer Befundalgorhythmus

 

 

   Bewußtsein ->

  Orientierung -> 

    Aufnahmefähigkeit Konzentration ->

Auffassung ->

Gedächtnis ->

                                                                                                                                                                                                 Intelligenz ->

formales Denken ->

Wahn ->

Haluzinationen -> 

Wahrnehmung ->

Ich Funktion ->

Affekt ->

Zwänge Ängste ->

Antrieb Psychomotorik

 

 

 

 

 

 

5     Die häufigsten  psychiatrischen Krankheitsbilder

5.1     Die Affektiven Störungen

 

Affekt : steht für Stimmung , Emotion, Gefühl,  Zum Formenkreis der Affektiven Störungen gehören die Depression,  die Manie, sowie die Manisch depressive Krankheit (MDK) bei der Depression und Manie abwechselnd auftreten.
Man kann diese auch in Unipolare affektive Störung  (nur Depression oder Manie) und Bipolare affektive Störungen (MDK)  unterscheiden.
Einen Übergang zur Schizophrenie stellt die Diagnose Schizo-affektive Psychose dar, bei der sowohl affektive als auch schizophrene Symptome vorliegen

 

5.1.1     Die Depression

Fakten

*   Die Depression (unipolar major depression) stellt weltweit  die mit Abstand häufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeit dar (10 %)

*   17 Prozent aller Menschen erkranken im Lauf ihres Lebens an einer Depression.

*   Bei einem Großteil der Patienten, die  wegen diverser Beschwerden den Hausarzt aufsuchen und tatsächlich an einer Depression leiden, wird diese  zunächst nicht diagnostiziert

*   Nur wenige Prozent der diagnostizierten Patienten mit Depression, erhalten dem derzeitigen Stand der Wissenschaft entsprechend,  sowohl medikamentöse Therapie als auch Psycho Therapie. (ca. 3 %)

Kodierung nach ICD 10:

*   F 32 Depressive Episode,(zusätzliche Stellen codieren den Schweregrad)

*   F33: wiederholte depressive Störung

*    F43,20 oder F43; 21 kürzere oder längere Anpassungsstörung
Depressive Reaktion auf ein Lebensereignis

 

Symptome der Depression

*   Diagnostische Kriterien nach DSM:

 

Hauptsymptome

andere Symptome:

Gedrückte Stimmung

verminderte Konzentrationsfähigkeit

Intressens-  bzw. Freudlosigkeit

vermindertes Selbstwertgefühl

Antriebsstörung

Schuldgefühle

 

Hemmung/ Unruhe

 

Selbstschädigung

 

Schlafstörung

 

Appetitmangel


Zur Diagnose müssen mindestens 2 Haupt und 2 der anderen  Symptome  für eine Periode von mindestens 2 Wochen zutreffen?.

 

*   Was können wir an Menschen mit einer Depression beobachten?

*   Mimik-armes, „leeres“ Gesicht oder angsterfülltes Gesicht

*   gebückte Haltung mit hängendem Kopf und Schultern

*   Bewegung verlangsamt oder Bewegungsunruhe

*   Stimme monoton, langsam, stöhnen, weinerlich, ratlos

*   Einengung des Denkens: hält an wenigen depressiven Gedankeninhalten fest.

*   verhaltene oder offen Aggressivität
 

*   Was schildert der Patient ?

*   Diverse körperliche Beschwerden, besonders häufig sind

*   Schmerzen (Kopf, Kreuz, Gelenk)

*   Schwindel („wird meist als Kreislaufbeschwerden berichtet“)

*   Herzklopfen, kalter Schweiß 

*   Müdigkeit und allgemeine Schwäche

*   Schlafstörung

*   Verlust von Lust

*   Konzentrations-und Gedächtnisstörung, Grübeltendenz

*   Ratlosigkeit und Entscheidungsunfähigkeit (was soll ich tun?)

*   Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit

*   innere Unruhe

*   innere Leere

*   Angst (vor etwas konkretem oder ungerichtet)

 

Depression ohne depressive Symptome: Die larvierte Depression

 

Meistens lassen sich bei Patienten, die zunächst nur diverse körperliche Beschwerden nennen, die Hauptsymptome der Depression durch gezieltes Fragen und Beobachten herausarbeiten.

Manchmal gelingt dies nicht. Man kann dann eine „larvierte“ (maskierte) Depression vermuten.

Denkt man nicht daran, folgen oft ausführliche und teure medizinische Untersuchungen

 

Welche Fehldiagnosen sind Möglich:

Depressive Menschen könnte man auch so beschreiben: eingebildete Kranke, Hypochonder, Faulenzer, Versager, Willensschwache.

Folgen unbehandelter Depression

*   Sucht: versuchte Selbstbehandlung mit Alkohol oder Drogen etc.

*   Angststörung, Panikattacken

*   Selbstmord

 

Wann ist eine Depression eine Krankheit?

Prinzipiell ist es eine subjektive Entscheidung, was eine angemessen Reaktion und was , eine Krankheit ist.

Liegt eine relevante Beeinträchtigung der Lebensqualität vor, und führt die Depression zu negativen Folgen: z.B. Abbau sozialer Kontakt oder beruflicher Misserfolg, ist die Diagnose berechtigt.

In der Psychiatrie gibt es folgende Kriterien:

1.Die Dauer (länger als 14 Tage)

2.Der Schweregrad: (Zutreffen von mindestens 2 Hauptsymptomen und 2 anderen Symptomen aus ICD 10 in zumindest leichter Form)

 

Ursachen der Depression

Entsprechend dem in Kapitel 2 vorgestellten Modell werden hier 

*   vererbte konstitutionelle Faktoren (Stoffwechselstörung der Neurotransmitter?)

*   Psychische Faktoren: z.B.

*   plötzlich unerwarteter oder chronischer, über längere Zeit nicht bewältigbarer Stress

*   Erlernte Hilflosigkeit

*   Frühkindliche Störung der psychischen Entwicklung

*   Hormonelle oder  Chemische (Medikamente, Drogen), Einflüsse: Unterfunktion der Schilddrüse, Östrogenmangel in der Menopause lösen ebenso depressive Symptome aus wie manche Medikamente oder Drogen

 

genannt.

 

Meist ist es sinnvoll alle 3 Dimensionen zu bedenken: Also z.B. Jemand hat möglicherweise eine Neigung zu depressiver Entwicklung geerbt. In seiner Kindheit war er durch einen depressiven Elternteil in seiner psychischen Entwicklung behindert. Aktuelle  belastende Lebensereignisse können nun nicht ausreichend bewältigt werden. Nach einer Verschreibung von Beruhigungsmitteln über längere Zeit verstärkt der Entzug des Medikamentes nun zusätzlich die Depression.

 

Allerdings kann massive Traumatisierung, ebenso wie manche Medikamente alleine , ohne Beteiligung der anderen Faktoren eine depressive Episode auslösen.

 

 

Therapie der Depression

 

Die Therapie sollte 3 Säulen umfassen

 

1.Soziale Maßnahmen: Ziel ist Veränderung der belastenden Lebenssituation (Familie Beruf etc.)

2.     Psychotherapie: Die Methode ist je nach Therapieschule unterschiedlich aber Ziel ist es in jedem Fall dem Patienten zunächst eine stützende Beziehung anzubieten, ihm  aus seinen selbstbezüglichen Gedankenkreisen herauszuhelfen,  sein Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen zu heben und ihn zu unterstützten, neue Coping (Bewältigungsstrategien) zu entwickeln.
Auch Anhänger einer rein biologischen Depressions-Theorie müssen einräumen, dass Selbstwert, Identität oder Vertrauen, menschliche und nicht biochemische Dimensionen sind und diese Bedürfnisse nicht durch Medikamente abgedeckt werden können.

3.     Medikamentöse Therapie:

*   Antidepressiva helfen ca. bei 2/3 aller Depressionen unabhängig davon , ob diese nun durch psychische Belastung oder nicht ausgelöst wurde.

*   Medikamente werden zunächst für ca ½ Jahr verordnet. Bei wiederholten Episoden wird die Dauertherapie empfohlen.
Zur Verfügung stehen :

 

a.     sogenannte Tri-cyclische oder Tetra-cyclische Antidepressiva: Der Name kommt von ihrer chemischen Struktur. Diese Medikamente sind veraltet und werden wegen ihrer hohen Nebenwirkungsrate und Giftigkeit (eignen sich gut für Suizid) nur noch selten verordnet.

b.     SSRI Selektive (Serotonin Reuptake Inhibitoren)  Dies ist die heute am häufigsten verschrieben  Medikamentengruppe. Wegen der selektiven Wirkung auf Serotonin haben sie wenig Nebenwirkungen und haben eine erweiterte Indikation erfahren zum Beispiel auch für Sozialängste, Panikattacken oder Zwänge.  .
Typische Vertreter sind (Fluctine ®, Seroxat®, Seropram ®,  Floxfral ® Gladem ®, Tresleen ®, )
Unter dem Namen “Prozak  wurde die  bei uns unter dem Namen „Fluctine“ vertriebene  Substanz zur Modedroge in Amerika, die Helfen sollte, immer gut drauf zu sein.

c.     Andere moderne Antidepressiva :   (anderes Wirkungsprinzip, aber ähnlich in der Wirkung: z.B.: Remeron ®, Tritico®,

d.     Johanniskrautpräparate : Jarsin® ( hat seine Wirksamkeit zumindest bei mittelschweren Depressionen bewiesen

4.„biologisch“ fundierte nicht Medikamentöse Therapien

a.     Schlafentzugstherapie : Schlaf wird künstlich bis 40 Stunden hinausgeschoben, oder der Schlafrhythmus wird  verändert.

b.     Lichttherapie : Bei Jahreszeit abhängigen Depressionen gut wirksam: der Patient wird tgl. 30 Minuten einer starken Lichtquelle bei offenen Augen ausgesetzt.

c.     Elektro-Krampftherapie.
In Vollnarkose  und unter Muskelrelaxation wird durch einen Stromstoß ein künstlicher epileptischer Anfall ausgelöst:  Anwendung bei starker sonst nicht behandelbarer Depression, wahnhafter Depression.
Diese Behandlung ist sehr unpopulär, da sie früheren Zeiten, vor Entwicklung wirksamer Psychopharmaka, oft ohne Einwilligung des Patienten und ohne Vollnarkose durchgeführt wurde.

5.Additive und alternative Therapien

 

*   Die Schulmedizin fordert den Nachweis der Wirksamkeit von Behandlungsmethoden in naturwissenschaftliche Studien. Dass ein solcher Nachweis nicht erbracht wurde, bedeutet natürlich nicht, dass die Methode unwirksam ist, aber natürlich auch nicht, dass sie wirksam ist.

*   Eine Behandlung der Depression durch Kinesiologie scheint im österreichischen Konsensus-Statement 2001  zur Behandlung der Depression nicht auf.

 

 

Empfehlung zum Umgang mit depressiven Menschen

*   Depressive Mensche empfinden es meist als quälend, wenn man versucht, sie zu trösten oder ihnen gut zuredet.
Nicht genug, dass sie sich schlecht fühlen, wird ihnen auch noch erklärt, dass dies gar nicht nötig wäre, da sie es doch sowieso so gut hätten.

*   Besser ist es, zunächst einmal auszuhalten, dass das Gegenüber depressiv ist. Ein respektvolles  Anerkennen des Leidenszustandes, ohne selbst gleich depressiv mitzuschwingen, wird angenehm empfunden.

*   Ein  Fragen nach Zeiten in denen es besser ging und sich dies  genau beschreiben lassen, erinnert den Patienten an eigene Ressourcen.

*   Übernimm nie die Aufgabe, den anderen ohne sein Zutun aus seinem depressiven Sumpf zu ziehen. (Er wird sich, und dich mit ihm, um so mehr darin versinken lassen) Depressive machen ihre Heilung gerne zur Aufgabe von anderen, da sie sich selbst nichts zutrauen. Dieses Angebot darf man nicht annehmen. Je mehr man sich bemüht, desto mehr fordern sie, wie ein Faß ohne Boden.

*   Besser ist es zu vermitteln, dass man ein Angebot hat (z.B. Kinesiologie), dass gewisse positive Wirkungen auch auf die Stimmungslage haben kann, ohne aber den Anspruch zu erheben, damit die Depression zu beeinflussen.

*   Ein trennen zwischen der Krankheit (Depression)und der Person die ja auch noch andere nicht depressive Aspekte umfasst, wirkt entlastend.


5.1.2     Die Manie

 

Fakten:

*   Die Manie kommt selten alleine in der unipolaren Form sondern meist im Rahmend er Manisch Depressiven Erkrankung (bipolare Störung) vor.

*   Bei ausgeprägter Manie bestehen Häufig auch psychotische (schizophrene ) Symptome

 

Kodierung nach ICD 10

F 30. (weitere Stellen : 0-3 bezeichnen den Schweregrad)

Symptome:

 

Hauptsymptome

Andere Symptome

Inadäquat gehobene Stimmungslage

Selbstüberschätzung Größenideen

Gesteigerter Antrieb

Rededrang

Verminderter Schlaf

fehlende Krankheitseinsicht

 

Verlust sozialer Hemmungen

 

Starke Ablenkbarkeit (Dinge werden nicht zu Ende geführt)

 

leichtsinnig rücksichtsloses Verhalten

 

 

Therapie der Manie

Typischerweise hat der Patient zunächst kein Krankheitsgefühl, sondern glaubt alles zu können und auch keinen Schlaf zu brauchen.

Zunächst stellt dies vielleicht nur eine Belästigung der Mitmenschen dar allerdings neigen die Patienten auch zu ruinösen Geschäftsabschlüssen oder lassen sich in gefährliche Raufhandel ein, sodaß nicht selten der Therapiebeginn unfreiwillig erfolgt.

 

*   Sedierende (beruhigende) Medikamente wie  Schlafmittel oder Neuroleptika  bremsen  den Patienten nur äußerlich, während er sich weiter angetrieben fühlt

*   Wirksam zur Stabilisierung hat sich Lithium-Salz (Quilonorm ®) erwiesen. Dieses Medikament ist billig und gut wirksam, leider aber auch bei geringer Überdosierung schon ziemlich giftig. Der Blutspiegel des Medikamentes muß daher  gut überwacht werden

*   Das Epilepsiemittel Valproinsäure  (z.B Convulex® oder Depakine®) hat sich in letzter Zeit als Alternative zu m Lithium etabliert.

*   Lithium oder Valproinsäure  werden auch als sogenannte Phasenprophylaxe als Dauertherapie gegeben

 


5.1.3     Die Zyklothymie =Bipolare affektive Störung = Manisch depressive Krankheit

 

 

Fakten:

*   Dies ist wahrscheinlich die häufigste Form der Affektiven Psychose, da auch Patienten die meist depressive Phasen erleiden gelegentlich einmal eine manische Phase haben und umgekehrt.

*   Übergänge zu psychotische (Schizophrenen=Symptomatik) sind auch hier nicht selten

Symptome

Abwechselnd treten  die Symptome der Depression  oder der Manie, wie oben beschrieben auf. Typisch ist eine“ depressive Nachschwankung“ nach einer manischen Phase. Dazwischen können sichPhasen  affektiv ausgeglichener Stimmungslage auch spontan einstellen

Therapie der bipolaren Störung

 

*   Lithium, Valproinsäure

*   Akutmedikamente nach Symptomatik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


5.2     Der Schizophrene Formenkreis



 

Die Bezeichnung Psychose (wörtlich eigentlich nur: psychische Krankheit) wird im Engeren Sinn auch für die Schizophrene Psychose verwendet

 

Fakten

 

*    Die schizophrene Psychose ist eine Erkrankung die am häufigsten  des jungen Erwachsenen erstmals auftritt. Allerdings ist eine Erstmanifestation in jedem  Alter (auch bei Kindern) möglich.

*   Von einer psychotischen oder Schizophrenen Episode spricht man bei einmaligem Auftreten schizophrener Symptome gefolgt von vollkommener Wiederherstellung der Gesundheit

 

*   Von Schizophrenie spricht man, wenn nach der akuten Phase kein Zustand kompletter Gesundheit  erreicht wird sondern ein „Residuum“   Restsymptome zurückbleibt.

 

Kodierungn ach ICD 10:

 

*   F20 bis F29

Symptome

 

Hauptsymptome

Zusätzliche Symptome

1.:Formale Denkstörung: (=gestörter Gedankenductus)

Die Assoziationen sind schwer nach vollziehbar., es kommt zu Gedankensprüngen oder plötzlichem Abreissen der Gedanken.
Maximalform: Faseln =völlig unzusammenhängende  Wort

Halluzinationen:

In erster Linie akustische Halluzinationen.
Eigene abgespaltene Gedanken werden als fremde Stimmen wahr genommen (Gedanken laut werden)

2.: Affektverflachung:

Der Patient schwingt nicht adäquat emotional mit. Die ausgedrückte Emotion passt nicht zum Inhalt des gesagten.

Beeinflussungserlebnisse

Da die Grenzen der eigenen Person verfließen, entsteht, das Gefühl beeinflusst zu werden oder andere Beeinflussen zu können.

 

Gedanken lesen , Telepathie (du weißt eh was ich denke)

 

Gefühl der Körperveränderung

 

Anmutungserlebnisse Bedeutungserlebnisse

 

Wahn: ordnet die beängstigenden Phänomene in einem System:Z.B. „Ich werde von der CIA verfolgt“

 

Wie erlebt der Schizophrene subjektiv sein Problem

 

*   Während der Neurotiker sich frägt: „wer bin ich?“ , ist die Frage des Psychotikers: „bin ich es oder bist es du“ 
Wiedersprüchliche Persönlichkeitsanteile können nicht mehr zu einem Ich integriert werden. Die Zentrale Ich-Funktion zerfällt und es  werden eigne Gedanken als Fremd und Handlungen anderer als mit der eigenen Person in Verbindung stehend erlebt.

*   Da die Ordnung verloren geht wird mit größter Anspannung und oft auch Angst verzweifelt versucht eine Ordnung aufrecht zu erhalten.

*   Auch das Körperschema ,(Die Vorstellung der Körpergrenzen) geht verloren. Man erlebt Verformungen und Ausbuchtungen am eigenen Körper

 

Was können wir an einem  Menschen in einer psychotischen Episode beobachtender Patient

 

*    Im Vorfeld einer Schizophrenen Psychose treten oft Zwangssymptome auf, als letzter Versuch eine Ordnung aufrecht zu erhalten.

*    Im Gespräch fällt auf, dass der Patient unnatürlich monoton spricht.

*   Man hat das Gefühl , das man den anderen emotional nicht erreicht. Er kann dabei läppisch  oder aber sehr angespannt wirken.

*   Die Assoziationsketten sind bei genauem hinhören  nicht nachvollziehbar oft konkretistisch. z.B. Ich hatte einen Unfall, der Fall, war laut.

*   Es werden neue Worte erfunden (Neologismen)

*   Es kommt zum plötzlichen Innehalten mitten im Satz, der dann oft nicht fortgesetzt werden kann.

*   Ein scheinbares Lauschen mit Blick nach oben weist auf ein Stimmenhören hin.

*   Behauptungen , wie :“ du weißt schon, worum es geht.“ etc. weisen auf das Gefühl hin, das eigene Gedanken von anderen gelesen werden könnten.

 

Ursachen der Schizophrenie


Wieder sei auf das multikausale Modell mit konstitutionellen Faktoren psychodynamischen Einflüssen und biochemischen Einflüssen verwiesen. Auch Virusinfektionen werden verantwortlich gemacht.
Bei der Schizophrenen Psychose, gelingt es dem Patienten jedenfalls aus welchen Gründen immer, nicht mehr, belastende Faktoren mit den üblichen neurotischen Abwehrmechanismen (verdrängen, verschieben projizieren, identifizieren etc.) zu bewältigen.

Dies führt zu einer starken Anspannung, die durch die Auflösung einer abgegrenzten Ich-Funktion wieder gelöst wird.  Nicht integrierbare  Wünsche: aggression gegenüber geliebten Angehörigen, sexuelle Wünsche etc. werden als von außen eingegeben erlebt, was in gewissem Sinne entlastet.

 

Therapie der Schizophrenen Psychose.

 

1.Soziale Maßnahmen: Herausnahme aus einer belastenden  Lebenssituation oft stationäre Aufnahme mit genauer Strukturierung

2.Medikamentöse Therapie.

*   Neuroleptika. (Neuro= Nerv, Lepto=weich).
Diese bremsen gleichsam eine Aufschaukelung von Emotionalen und Denk-Prozessen, und ermöglichen dem Patienten so, wieder eine Ordnung zu schaffen.
Zur Anwendung kommen.

a.     Klassische Neuroleptika: z.B. Haldol ®, Cisordinol®, Dapotum® Truxal®, etc.
Diese „alten „ Neuroleptika werden wegen ihrer unangenehmen Nebenwirkungen (Steifigkeit, Zittern,  etc.) zunehmend seltener eingesetzt.

b.     atypische (neuere) Neuroleptika: Zyprexa®, Risperdal®, Nipolept®, Leponex ® Diese haben seltener Nebenwirkungen, sind aber noch ziemlich teuer.

*   Additiv werden Tranquilizer eingesetzt die entspannend und angstlösend wirken.In erster line kommen Medikamente aus der reihe der Benzodiazepine zunm Einsatz:
Valium®, Gewacalm®, Psychopax®, Temesta®, Lexotanil® etc.

 

 

5.2.1     Die Schizo-affektive Psychose:

 

*   Nebenen  psychotischen Symptomen kammt es auch wechselnd zu depressiven und manischen Symptomen.

*   Nachdem praktisch bei jeder Schizophrenen Störung auch eine Störung des affektes vorliegt und bei schweren affektiven Störungen auch meist eine psychotische Denkstörung vorkommt, ist anzunehmen, dass die klare Trennung zwischen  affektiven uns schizophrenen Erkrankungen nicht zu ziehen it. Möglicherweise sind beide  nur unterschiedliche  Formen einer gemeinsamen Grundproblematilk.

 

 

 


5.3     Selbstverletzung Suizid ,Parasuizid

Fakten

*   Auch hier handelt es sich um eine inhomogene Gruppe von Patienten

*   Selbstmordversuch kann aus einer akuten Krise heraus ebenso wie aus einer chronischen Belastung folgen oder Ausdruck einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung sein.

*   „Erfolgreiche“  Suizidversuche am häufigsten bei affektiver Psychose (Depression) aber  auch Schizophrener Psychose (bei Kindern und Jugendlichen ist beides sehr selten

*   Von Parasuizid spricht man, wenn der  Tod  durch vermutlich nicht angestrebt wurde. Die Übergabe sind fließend. Sie kommen häufig bei der Borderlinestörung  vor.

*   Ein Maß für den Todeswunsch ist die Rettungswahrscheinlichkeit der jeweils gewählten Methode, wobei sich der Patient sehr Täuschen kann und daher auch bei einem Parasuizid gefährdet ist.

*   Zu beurteilen ist immer

1.     Akute Selbstgefährdung (Präsuizidales Syndrom )

2.     die Langzeit Prognose

 

5.3.1     Präsuizidales Syndrom (Suizidale Einengung = akute Selbstgefährdung)

*   Hier kann immer nur ein Akutbefund beschrieben werden. Ein nicht vorliegen de Präsuizidalen Syndroms schließt dies nicht für die Zukunft aus.

1.     Situative Einengung:  keine Zukunftsperspektive, keine Weg vorstellbar aus der aktuell belastenden Situation heraus zu finden.  Entwertung bestehender Ressourcen

2.     Agressionshemmung: aggresive Affekt werden gegen die eigene Person gerichtet

3.     Konkretisierung der Suizidphantasien und konkrete Planung

Verhalten bei Suizidgefahr.

 

*    Wer wirklich sterben will, dem gelingt es (leider ) auch meist, denn er kündigt sein Handeln nicht an und wählt eine sichere Methode. je größer die Gefahr desto kleinere Hinweise müssen daher richtig gedeutet werden. Wer lautstark mit dem Selbstmord droht ist meist weniger gefährdet.

*   Hat man einen konkreten Verdacht,(darf man sich den nicht mehr ausreden lassen) und muß darauf bestehen dass derjenige sich in Behandlung bzw zumindest zu einer Begutachtung  begibt und ihn bis dahin nicht mehr alleine lassen

*   Eine akute Selbstgefährdung rechtfertigt eine unfreiwillige stationäre  psychiatrische Behandlung.. Diese ist folgendermaßen zu organisieren.

1.     Polizei (Gendarmerie vondem verdacht verständigen

2.     Die Polizei verständigt den Amtsarzt, welcher ein „Parere“ ausstellt

3.     Im  psychiatrischen Spital wird entschieden , ob der Patient wieder die Abteilung, verlässt,  sich freiwillig behandeln lässt, oder „untergebracht“ wird.
Im Falle der Unterbringung gibt es genaue Vorschriften , die eine ungerechtfertigte  Anhaltung verhindern sollen (2 unabhängige Fachärzte müssen es bestätigen und eine Gerichtskommission überprüft diese Entscheidung regelmäßig)


5.4     Konzept der Borderlinestörung

Fakten

*   Die Borderlinstörung wird als Persönlichkeitsstörung gesehen, also als lebenslängliche Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung

*   Diese  Diagnose wurde aus psychoanalytischen Konzepten übernommen.
Wie der Name sagt, wird ein Übergang zwischen Neurose und Psychose beschrieben.

*   Es wird  eine „frühe Störung“ postuliert . Das heißt die für eine Ausbildung einer Neurose erforderliche differenzierte Persönlichkeitsstruktur wurde nicht erreicht.

*   Mangels nosologischer Validität dieser analytischen Konzepte wird eine symptomatische Beschreibung versucht.

Kodierung ICD 10:

*   emotional instabile Persönlichkeit vom Borderlinetypus F 60 .3

 

 

Allgemeine Kriterien der Persönlichkeitsstörung: nach ICD 10 (mindestens 3 müssen vorliegen)

1.      Deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten in mehreren Funktionsbereichen wie Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmen und Denken sowie in den Beziehungen zu anderen.

2.      Das auffällige Verhaltensmuster ist andauernd und gleichförmig und nicht auf Episoden psychischer Krankheiten begrenzt.

3.      Das auffällige Verhaltensmuster ist tiefgreifend und in vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend.

4.      Die Störungen beginnen immer in der Kindheit oder Jugend und manifestieren sich auf Dauer im Erwachsenenalter.

5.      Die Störung führt zu deutlichem subjektiven Leiden, manchmal jedoch erst im späteren Verlauf.

6.      Die Störung ist meistens mit deutlichen Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit verbunden

Spezielle Kriterien der Borderlinestörung

1.      Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und "inneren Präferenzen" (einschließlich sexueller);

2.      Neigung sich in intensive aber instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen;

3.     übertriebene Bemühungen, das Verlassen werden zu vermeiden;

4.      wiederholt Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung;

5.      anhaltende Gefühle von Leere

6     Ausgewählte Kinder - und Jugend Psychiatrische Fragestellungen

6.1.1     Das Hyperaktive Kind

Fakten

*   Das Aufmerksamkeits Defizit Hyperaktivitätssyndrom stellt nach wie vor ein diagnostisches  Konstrukt dar, für das es keinen Beweisenden oder  ausschließenden Labor oder Röntgenbefund etc. gibt. Die Diagnose wird daher durch subjektive Beurteilung des Verhaltens, und genormte Aufmerksamkeitstests gestellt

*   Es ist sehr fraglich, ob es sinnvoll ist diese Symptomatik als eigenes Krankheitsbild abzugrenzen

*   Durch die vor allem in Amerika viel zu häufige Verschreibung von Psychostimulanzien (Ritalin ®) an Schul-auffällige Kinder infolge der Diagnose ADHD ist diese Diagnose in Misskredit geraten.

Kodierung

ADHS       Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitätssyndrom

ADD:      Attenttion Deficit Dissorder
ADHD:    Attention Deficit Hyperactivity Disorder

ICD 9 :    314.0 bis 314.9 Hyperkinetisches Syndrom im Kindesalter mit und ohne Störung des Sozialverhaltens oder Entwicklungsrückstand

ICD 10:   F 90.0    Einfache Aktivitäts und    Aufmerksamkeisstörung

               F 90.1      Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens

DSM IV    314.0     ADHD vornehmlich Unaufmerksamkeit

314.1     ADHD vornehmlich Hyperaktiv-Impulsiv Typ

 

Merkmale des ADHD:

Fließende Übergänge von aktivem  Temperament bis zum Vollbild.

*   Beginn vor dem 6. (7.)  LJ

*   verkürzte Aufmerksamkeitsspanne (In verschiedenen Situationen)

*   Unruhe ,Überaktivität

*   Erhöhte Impulsivität

Begleitsymptome

*   Entwicklungsverzögerung

*   Tics

*   Enuresis

*   Störung des Sozialverhaltens

*   Vermindertes Selbstwertgefühl

*   Disharmonische Bewegungsmuster

 

Häufigkeit:

 4 - 14 %  der Kinder (je nach Auswahlkriterien und Nationalität)

Buben : Mädchen  =   8:1
Buben deutlich häufiger aber Mädchen fallen nicht so auf wegen weniger motorischer Unruhe.


Ursache des ADHD ?

 

Gut belegte Hypothesen:

*   Genetische Disposition (Zwillingsstudien, Familiengeschichte)

*   Reifungsverzögerung des Frontalhirnes  (verminderte Aktivität ) Bei einem Teil der Patienten bewiesen

*   Frühe Hirnschädigung :  (Bei Blei Intoxication, Alkohol und Nikotinabusus , sowie Perinatale Asphyxie , Infektiös; Trauma )

*   Nahrungsmittelallergie : (Bei 15 bis 20 % der Patienten mit Doppelblindstudien belegt . –Egger obsolet: Phosphat [Hafner], Salicylate [Feingold])
Störung der Glucoseutilisation

Weitere Theorien:

Neurotransmitterstörung : z.B. Dopaminmangel, , Dopamin Transporter Störung oder Hyperaktivität des Dopaminsystems

Durchblutungsstörung des Nuc. Ambiguus

.

Differentialdiagnose des ADHD:

*   Begabtes Kind: Disharmonie von Intelligenz und Urteilsfähigkeit

*   Permessiver inkonsequenter Erziehungsstil

            Parentifizierung, Familiäre Dysregulation

*    Manische und schizophrene Psychose

*    Cerebralschaden

*   Intelligenzminderung

 

Typisches Lebensalter

*   Die Diagnose wird meist erst beim Schuleintritt gestellt.

*   Retrograd lassen sich meist Symptome bis ins Säuglingsalter
zurück verfolgen

*    Die Störung besteht auch im Erwachsenenalter weiter  allerdings ist das Erscheinungsbild alterspezifisch.

 

Therapie des ADHS

Immer Kooperation mehrerer Ansätze!!!!!

Therapeutisch Pädagogische Optionen:

*   möglichst frühzeitige Erkennung (Kindergarten) und spezielle Förderung ist der wichtigste Faktor um später soziale Isolierung und Delinquenz zu verhindern (Fördern statt schimpfen und Ausschließen): Die Förderung muß spezifisch je nach individuell diagnostiziertem Problem sein: Das heißt:

*   Bei Aufmerksamkeitsproblem  spezielles Training, und Adaptation der Schulumgebung (nach vorne setzen etc.)

*   Wenn der Patient stärkere Stimulation braucht ,entsprechende Ergotherapeutische Maßnahmen ,

*   bei Familiärem Hintergrundproblem zuerst Bearbeitung dieser Situation

*   Bei Entwicklungsrückstand Förderung der Teilleistung

*   Familienberatung/Therapie  (Beratung statt Beschuldigung)
Wie kann die Familie besser mit der Situation umgehen

*   Einzeltherapie: in der Adoleszenz bearbeiten von Sozialängsten etc.

* Verhaltenstherapie :Impulskontrolle, alternative Verhaltensmuster  (Mit den Eltern, mehr Verstärker, Planung

Diätische Optionen

* Oligoantigene Diät nach Egger (hilft bei ca. 20 %) bzw. spezifische Desensibilisierung (Phospatfreie Diät nach Hafer ist dagegen ein Irrweg)

* Zucker-reduzierte Diät spricht bei einigen Kindern gut an

*  

Medikamentöse Therapie (nie Kausal möglich)

*      Stimulantientherapie: (z.B Methylphenidat =Ritalin® Dosis 10-60mg/d) zeigen bei Hyperaktiven eine „paradoxe Wirkung“ Sie werden nicht aufgeputscht sondern ruhig und konzentriert da die primäre Aufmerksamkeitsstörung gebessert wird.
Nachteil:  wirken nur 3 bis 4 Stunden .müssen vorsichtig dosiert werden . Daher gibt es Retardpräparate: (Concerta® 18,oder 36mg) mit 1 x täglicher Gabe

Muss per Suchtgiftrezept verordnet werden. Es  besteht aber keine Suchtgefahr !!!!!! bei Indikation

*   Atomoxetin: (Strattera®) ab 2006 neu am Österreichischen Markt. Es entspricht in seinem Pharmakologischen Eigenschaften  einem Antidepressivum ist aber speziell für ADHD zugelassen. Vorteil : 1 x tägliche Gabe. Kein Suchtgiftrezept nötig

*    Antidepressiva: bei Erwachsenen teilweise 1. Medikament  bei Kindern 2. Wahl       

*    Clonidin :Catapressan (Blutdruckmittel)

 

Therapierfolg:

*   Nach derzeitigem Stand ist Ziel der Therapie nicht Heilung sondern Förderung, der häufigste Fehler ist, nur auf eine neurologisch.pharmakologische Hypothese zu fokusieren und die Lebensumstände in denen sich das Symptom zeigt außer Acht zu lassen

*   Die Langzeitprognose ist nicht sehr optimistisch

*   Ausnahme bei Ansprechen auf Diät oder Desensibilisierung, kann bei Einhaltung einer strikten Diät  bzw. regelmäßig wiederholter Desensibilisierung Symptomfreiheit oder Milderung erreicht werden
Nachteil: Hoher Aufwand, Desensibilisierung noch in Entwicklung

6.1.2     Beispiele für Hyperaktivitätssymptomatik durch Umweltbedingungen

*  

*   Alle! Symptome des ADHD kann jeder! Mensch unter den geeigneten Bedingungenentwickeln:

*   Übermüdung : macht uns überdreht, hektisch, unflexibel, aggressiv und Impulsiv.

*   Überforderung : macht uns planlos chaotisch und ängstlich.

*   Reizüberflutung: löst obige Symptome aus
Soziale Ausgrenzung löst Rückzug oder unkritische suche nach Freundschaft aus.

*   Existenzielle Gefährdung: führt zu angespannt kontrollierendem Verhalten, und lenkt die Aufmerksamkeit von allem anderen ab

*   Im Folgenden sind einige klassische familiäre Konstellationen beschrieben die Kinder in eine solche Situation bringen können:

*   Mögliche Diagnosen sind z.B:

*   Anpassungsstörung                                               ICD 10: F 43.*:       oder

*   Emotionale Störung:                                             ICD 10: F 32.*        oder

*   Persönlichkeitsstörung                                                         ICD 10: F 60.*

6.2     Essstörungen

 

Anorexia nervosa :Magersucht

Bulimie:                                 Eßbrechsucht,

Adipositas :                        Fettsucht

 

6.2.1     Anorexia Nervosa      -    Magersucht

Inzidenz, Prävalenz,

AN ist häufig, die Prävalenzrate wird bei Frauen zwischen 14 und 18 Jahren mit 1:800 bis 1:100 angegeben,
95% aller AN Patientinnen sind Frauen,
der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr.

Die Letalität wird in Längsschnittuntersuchungen zwischen 5 und 18% angegeben.

Die Prognose bei Spontanverläufen ist schlecht. Neben der hohen Letalität chronifiziert die Anorexie bei etwa 40%, bei 20-30% kommt es zu einer „Spontanheilung“ bezogen auf den Gewichtsverlust, schwere Störungen im psychischen und sozialen Bereich bleiben jedoch bestehen.

 

Diagnosekriterien:

 

1.     Untergewicht oder starke Gewichtabnahme bei fehlendem Krankheitsgefühl oder sogar dem Gefühl zu dick zu sein
Als Gewichtsgrenze nach ICD 10 wird ein BMI (body-mass-index) von 17, 5 angegeben
Dies gilt aber erst ab einem Alter von etwa 17 JahrenFür Patienten präpubertäre Patienten gelten deutlich niedrigere Werte Der BMI errechnet sich folgendermaßen:

Gewicht in kg : (Größe in m)2

2.     Diverse (teilweise heimliche) willentliche Rituale, um das Körpergewicht niedrig zu erhalten oder  weiter zu senken

3.     Körperwahrnehmungsstörung (nimmt Kachexie nicht wahr ) und irreale Angst vor Gewichtszunahme.

          

          Wie nimmst du dich wahr?

 

 

 

         

 

            Abbildung  4 Körperwahrnehmung

 

 

 

 

 

4.      Begleitsymptome:

*   primäre oder sekundäre Amenorrhoe

*   kalte Hände, trockene Haut und Haarausfall als Folge des verminderten Energieumsatzes

*   Obstipation (Stuhlverstopfung )

 

Psychodynamische Hintergrundproblematik

*   physiologische Veränderungen in der Pubertät
In der Pubertät nehmen Buben ca. 10 kg an Muskelmasse , Mädchen 10 kg am Fett zu. Diese physiologische Fettzunahme steht einem aktuellen Magerideal gegenüber. Jedes Mädchen setzt sich mehr oder weniger verunsichert mit der Veränderung ihrer Körperproportionen auseinander.

*   Psychopathologischer  Hintergrund

*   Viele Patientinnen werden als perfektionistische Musterkinder beschrieben, angepaßt, leistungsorientiert, gewissenhaft, gefügig („Herzeigkinder“).

*   Auslösend können familiäre Spannungen sein, Verlusterlebnisse, Hänseleien wegen des Körperbaues, pubertätsbedingte Situationen.

*   Der eigene Wunsch nach Verselbständigung und Trennung von der Familie kann das Gleichgewicht des Familiensystems gefährden und wird durch die Erkrankung abgewehrt.

*   Rollenunsicherheit bezüglich der sexuellen Identität kommt vor, ebenso kann die positive Identifikation mit der Mutter gestört sein.

*   Die Übernahme der weiblichen Rolle bei leistungsorientiert aufgewachsenen Mädchen, kann zur Identifikation mit der Rolle des Vaters führen, die als interessanter erlebt wird. Daraus - und aus einer ästethischen Freude - wird das Ausbleiben der Menstruation angenehm erlebt. Diese Annehmlichkeit darf nicht durch Hormonsubstitution behindert werden. Lediglich die östrogenabhängige Osteoporose und der Densitätsverlust dürfen am Besten mittels perkutaner Östrogensubstitution (25æg/die-nach Evaluation) behandelt werden.

*   Durch übertrieben zwanghaft-kontrollierendes Figurbewußtsein und ritualisiertes Eßverhalten können Gefühle der Macht und Stärke, die auf andere Weise im Familienverband nicht erreicht werden können, erlebt werden.

*   Die Patientinnen geraten oft in soziale Isolation. Die Isolation im Klassenverband wird oft durch Ehrgeiz kompensiert.

 

*   Familiärer Hintergrund
In der Familie existiert häufig die Regel über negative Gefühle (Spannungen, Wut, Angst, Machtlosigkeit, Überforderung,.. ) nicht zu sprechen. Diese Gefühle werden durch dauernde Beschäftigung mit Eßkontrolle nicht wahrgenommen. Auch positive Gefühle (Freude, Geborgenheit, usf.) können oft nicht mehr wahrgenommen werden. Im Vordergrund steht der Kampf um Autonomie, der Kampf des Geistes gegen den Trieb, das Gefühl der Autonomie: Es ist ein subjektives Hochgefühl mit dem Krankheitsgewinn der eigenen Vollkommenheit, die auf reiferer Ebene nicht erreichbar erscheint.

 

Therapie

Bei passagären Episoden reichen oft ambulante Gespräche und Vereinbarung eines Mindestgewichtes oder langsamer Gewichtszunahme.

 Bei dem Vollbild der Anorexie wird ein kooperativs Vorgehen notwendig.:

1.Ärztliche Betreuung und Gewichtsmanagement

2.Einzeltherapeutische Betreuung

3.Familientherapie

4.Stationäre Aufnahme bei unterschreiten der festgelegten Gewichtsgrenze: z.B. BMI unter 14, bei bedenklichen Gesundheitszustand oder absoluter Ess und Trinkverweigerung.
Dort wird in der Regel zusätzlich zu obigen Maßnahmen ein Verhaltenstherapeutisches Konzept mit klaren Gewichtsvorgaben angewendet und mittels Vertrag mit der Patientin bekräftigt.

 

 


6.3     Ausscheidungsstörungen

6.3.1     Enuresis (Einnässen)

 

 

Einteilung der Enuresis

 

Die häufigste Form der Enuresis ist die :

 

1.: monosymptomatische E. nocturna.

Sie ist eine heterogene genetisch mitbedingte  Reifungsstörung

Es sind weder weiter urologische noch psychiatrische Untersuchungen und auch keine Psychotherapie indiziert

Meist hört das Bettnässen von selbst auf.

Man muß darauf achten, dass das Kind nicht sekundär traumatisiert wird


Folgende Kriterien müssen erfüllt sein

*   fast jede Nacht, unwillkürliche Miktion bei Erreichen der Blasenkapazität    (= große Menge)

*   Keine Tagessymptomatik  (normale Frequenz, Menge, keine Drangsymptomatik, keine  Inkontinenz, kein Restharn, )

*   Familiarität (1 Elternteil 40%, beide Eltern :70% Expression)
(Genlocus: Chromosom: 13 aber auch 8,12, 22)

*   Bei sekundärer monosymptomatischer Enuresis nocturna:
Oft relativ spätes trocken werden mit häufigen "Rückschlägen"Wiederauftreten des Einnässens bei normalen Entwicklungsstressoren:     Geburt eines Geschwisters, Umzug, oder Familiäre Spannungen, aber auch banale Infekte.

2.:Symptomatische Enuresis

*   Kommt es zu Tagessymptomen wie einem Einnässen unter Tags liegt entweder eine urologische Störung oder eine psychische Ursache vor

*   Typisch für eine psychische Störung ist der Miktionsaufschub.

Therapie der Enuresis

Die Therapie der Enuresis richtet sich nach der jeweiligen Ursach wie oben beschrieben.

Eine Psychotherapie ist wie gesagt oft nicht indiziert.

Bei nicht primär psychisch bedingter Enuresis führt eine symptomatische Behandlung mittels Medikamenten (Minirin) oder Verhaltenstherapie nicht zu einer Symptomverschiebung sondern zu einer Besserung des sekundär beeinträchtigten Selbstwertgefühles.
Eine Klingelmatratz ist nur bei guter Motivation von Kind und Eltern sinnvoll da sonst ein großes Konfliktrisiko besteht.

Bei Psychischem Leidenszustand ist eine Psychotherapie  ohne Focus auf das Einnässen und begleitend ebenfalls eine Symptomatische Therapie indiziert. (Minirin) etc.

 

 

6.3.2     Enkopresis (Einkoten)

Prinzipielles zur Enkopresisis:

*   Im Gegensatz zum Einnässen geschieht dies in den meisten Fällen nur unter Tags.
Ein weiterer Gegensatz, zum Einnässen ist, daß dies meist mit einer schwereren psychischen Problematik gekoppelt ist.

*   Die häufigste Form ist die „Überlaufenkopresisdas heißt primär hält das Kind den Stuhl zurück. Nach einiger Zeit ist der Enddarm prall mit hartem Stuhl gefüllt. Bei Streß fließt dann weicher Stuhl vorbei und kann durch den überdehnten Schließmuskel nicht zurückgehalten werden. Da die primäre Störung also das Zurückhalten des Stuhles ist, verschärft man das Problem , wenn man das Kind dazu bringen will, den Stuhl besser zurückzuhalten. Im Gegensatz dazu muß der Darm zunächst entleert werden (Einlauf)  und das Kind darin gefördert werden  regelmäßig das WC aufzusuchen.

 

 

 

Therapie

Initiale Darmentleerung (Einlaufserie)

Stuhltraining

Psychotherapie: ist fast immer indiziert

Am häufigsten leben die Kinder in „broken homeSituationen . Das Zurückhalten des Stuhles ist ein Äquivalent zum zurückhalten der Gefühle.

Typischer weise haben diese Kinder  große Probleme in Gruppensituationen Daher sollte in der Gruppe am besten stationär therapiert werden.

Die Therapie verläuft meist ebenso rigid wie der Stuhlgang des >Patienten

                                                                                                                                    

 


6.4     Psychiatrische Begriffe

6.4.1     Psychiatrische Befunde und Symptome

Bei der psychiatrischen Befunderhebung wird auf folgende Gesichtspunkte geachtet:

 

Bewußtsein                         es kann klar, getrübt sein, bis hin zu

          Benommenheit           geringste Form der Bewußtseinstübung

          Somnolenz                 Schläfrigkeit

          Torpor, Sopor            Vorstufe des Komas reagiert nur noch auf stärkste Reize 

          Koma                         vollkommen unansprechbar reagiert auf nicht mehr

Das Bewußtsein kann verändert sein zu:

          Verwirrtheit               Zusammenhänge gehen verloren

          Delirium                     Verwirrtheit mit Auftreten von Halluzinationen

          Dämmerzustand         Patient ist zu  innerem Traumartigen Erleben gewandt

Wahrnehmung                               Empfindungen können unterschiedlich stark sein

          Hyperästhesie             verstärkte Wahrnehmung

          Hypoästhesie              verminderte Wahrnehmung

          Dysästhesie                unangenehme Empfindung

          Parästhesie                Mißempfindung (wienerisch:"bamstig")

          Hyperalgesie              verstärkte Schmerzwahrnehmung

          Hpoalgesie                 verminderte Schmerzwahrnehmung

          Parästhesie                veränderte Wahrnehmung

          Agnosie                      Unfähigkeit etwas zu erkennen  (man unterscheidet, optische, akustische, taktile Agnosie)

          Auffassung                 Verständnis von Zusammenhängen

          Illusionen                    krankhaft veränderte Wahrnehmungen

          Haluzinationen           eingebildete Wahrnehmungen
                                                                             

Orientierung                          örtliche, Zeitliche und zur Situation .Beschreiben wird, inwieweit der Patient weiß wo wann und warum er hier ist. (besonders bei verwirrten Personen von Bedeutung

         

Denken                               

          Formale Denkstörung der Ablauf der Gedanken ist nicht folgerichtig, wie oben beschrieben

Gedankenductus                     bewertet wird, ob der Ablauf der Gedanken folgerichtig, die Assoziationen nachvollziehbar sind, und ob das Denk-Ziel erreicht wird.. Dies ist besonders bei  der Schizophrenie nicht der Fall..

Sperrung                                plötzliche Unterbrechung des Gedankenflusses (Patient weiß nicht weiter)                                                                     

Neologismus                          Erfindung neuer Worte

Inhaltliche Denkstörung          beinhaltet Wahnideen

Zwangsdenken                       kommt von Gedanken nicht los

Einengung                              Denken auf einen engen Themenkreis beschränkt z.B:

präsuizidales Syndrom :          Einengung des Denkens auf Phantasien und Planung des Selbstmordes

Mnestik                                                                                              Gedächtnis

Amnesie                                 Gedächtnisverlust

Affekt                                                                        Stimmung, Gefühl, Emotion
Beispiele: Zorn, Furcht, Lust, Trauer,  Reizbarkeit, Apathie
        Depression , Manie

.

Apathie:                                 Dämpfung des Gefühlslebens

Depressio(n)                           Niedergeschlagenheit, Emotionale Energielosigkeit und Leere, Antriebslosigkeit, Im Gegensatz zur Apathie mit einer sehr unangenehmen  bis unerträglichen Färbung

Manie                                     krankhaft gehobene Stimmung, Rastlosigkeit, Selbstüberschätzung

Affizierbarkeit                       Bereitschaft , sich von einem positiven oder negativen Affekt „anstecken“ zu lassen. Man spricht von guter Affizierbarkeit in beide Skalenbereiche hinein, wenn der Patient bei erfreulichen Gesprächsthemen passende Emotionen zeigt und ebenso bei traurigen negativ besetzten

Affekt-Dissoziation                unpassender Affekt

Antrieb:                                 gesteigert oder vermindert

Stupor     Erstarrung (bei erhaltenem Bewußtsein)

 

Biorhythmus:                         Schlaf, Appetitit, Ausscheidung, Zyklus

 

 

Spezielle psychiatrische Diagnosen

 

 

Psychose:                             wörtlich: Geisteskrankheit bezeichnet schwere psychische Erkrankungen , die mir einer  strukturellen Veränderung der Wahrnehmung einhergehen

                                           man unterscheidet die

          Organische Psychose  durch Erkrankung, Vergiftung oder Verletzung ausgelöste Psychose
dazu gehört

                 Senile Demenz     (wörtlich Alterswahnsinn)

                 Präsenile Demenz  M. Alzheimer

                 Arteriosklerotische Demenz

                 Alkoholpsychose  dazu gehört neben dem Delirium Tremens auch der Eifersuchtswahn des Alkoholikers

                  Drogenpsychose umfaßt verschiedene Zustandsbilder z.T. mit Halluzinationen , die unter Drogeneinfluß oder bei seine Entzug auftreten

          Schizophrene Psychose:     Das ist die Psychose im engeren Sinn gebraucht
Ätiologisch ungeklärte Erkrankungsgruppe, die mit einer Veränderung des ICH Erlebens , formaler Veränderung des Denkens und Störung der Emotionalität  einhergeht.

                  psychotische Episode Kurzfristiges auftreten  der Merkmale einer schizophrenen Psychose. Dies kann unter starker psychischer Belastung auftreten und rechtfertigt nicht die Diagnose einer:

                  Schizophrenie      von Schizophrenie spricht man erst, wenn mehrere psychotische Episoden  ohne vollkommene Remission vorliegen

                  Hebephrenie         langsam schleichende Verlaufsform der Schizophrenie, ohne dramatische Symptome wie Haluzinationen aber langsame Verflachung des Denkens und der Emotionen.

                  Katatonie           akutes Zustandsbild bei der Schizophrenie  das mit vollkommener Erstarrung. einhergeht.

Affektive Psychose               beinhaltet alle Störungen des Affektes , wie Manie und Depression, die sich der Arzt sich nicht aus  lebensgeschichtlicher Belastung heraus erklären kann. Trotz vorhandener Kriterien ist also die Unterscheidung zwischen Endogener Depression also einer affektiven Psychose und neurotischer Depression eine subjektiv

          endogene Depression  Depressive Verstimmung der als Ursache „innere“ =endogene Ursachen also eine Biochemische Störung zugeschrieben wird.

          larvierte Depression   maskierte Depression: der Patient hat nicht die typischen Depressionssymptome sondern körperliche Beschwerden (Schrecken der praktischen Ärzte)

          Manie                         Hochgestimmtheit Unternehmungslust, Selbstüberschätzung Rastlosigkeit bis hin zur vollkommenen Erschöpfung

          MDK                           Manisch Depressive Krankheit bezeichnet einen Wechsel von Phasen mit Hochgestimmtheit und tiefer Depression. Ein anderer Ausdruck dafür ist

          Zyklothymie               bezeichnet  das Wechseln von manischen mit depressiven Phasen.

          monopolare affektive Psychose: nur manisch oder nur depressiv

 

Neurose                               in der eigentlichen Wortbedeutung „Nervenkrankheit“  wird es nicht verwendet, sondern ganz  im Gegenteil meint man mit Neurose Psychische Leidenszustände die  nicht durch körperliche Erkrankung sondern durch seelische Konflikte bedingt sind und grenzt sie dadurch von psychotischen Leidenszuständen ab, bei denen man auch eine biochemische Ursache vermutet.
Neurotische Symptome sind zum Beispiel:

          Phobie                       Angstneurose

          Anankasmus               Zwangsneurose

          Hysterie                     (wörtlich : am der Gebärmutter leidend) die Bezeichnung zeigt, daß dieses Krankheitsbild vornehmlich Frauen zugeordnet wurde. Neben  der Laien – Bedeutung die damit : Geltungsbedürfnis und Überempfindlich meint, ist Hysterie eine psychoanalytische Diagnose und bezeichnet das Auftreten von Körperlichen Symptomen wie Schmerzen, Lähmung und Blindheit die rein psychischen Ursprungs sind (=Konversionsneurose = Dissoziative Symptome )

Histrionische Persönlichkeitsstörung Diag agnose nach ICD 10 oder DSM IV klingt netter als hysterische Persönlichkeit, meint aber das gleiche.